Eckpunkte eines evangelischen Profils in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern
Wolfgang Jacobs, Marten Marquardt

Der Vortrag wurde Mitte März 2005 von dem evangelischen Krankenhausseelsorger, Pfarrer Wolfgang Jacobs, und dem Leiter der evangelischen Melanchthon-Akademie, Pfarrer Marten Marquardt, vor Mitgliedern der Leitungen der evangelischen Krankenhäuser und der evangelischen Einrichtungen der Altenpflege im Bereich des Stadtkirchenverbandes Köln gehalten. 

I. Aus der Praxis

Sehr geehrte Damen und Herren,
wir beginnen mit zwei Beispielen aus Krankenhäusern und einem Altenheim, um den Horizont abzuschreiten, der bei dem Thema der Eckpunkte eines evangelischen Profils besteht.
Wenn in dem katholischen Haus, in dem ich (Jacobs) Krankenhausseelsorger bin, ein Mensch stirbt, geschieht Folgendes:
Vor dem Tod wird der sterbende Mensch gefragt, ob ein Seelsorger benachrichtigt werden soll, die Angehörigen werden gefragt, wenn der Sterbende sich nicht mehr äußern kann. Die Pflege benachrichtigt dann eine Seelsorgerin oder einen Seelsorger, wenn die Anwesenheit erwünscht ist – bei Katholiken ist fast immer die Krankensalbung gewollt.
Ist der Mensch gestorben in Anwesenheit von Angehörigen, haben diese so viel Zeit wie sie wollen, sich von dem Toten zu verabschieden. Die Pflege bittet nach einiger Zeit die Angehörigen kurz aus dem Zimmer, um die Schläuche zu entfernen, ihn zu waschen und zu kämmen, den Toten neu anzuziehen, Pflegematerial aus dem Zimmer zu entfernen, eine Kerze und ein Kreuz auf den Nachttisch zu stellen.
Sind keine Angehörigen anwesend, werden der Tote und das Sterbezimmer vor dem Eintreffen der Angehörigen hergerichtet, damit sie in einer würdigen Umgebung trauern und Abschied nehmen können.
Das ist ein vertrauter Standard, der im Haus nicht schriftlich festgelegt ist, der aber allen Pflegenden bekannt ist und an den sich alle selbstverständlich halten.
Vielleicht ist es in ihren Häusern ja ähnlich. 
Doch es gibt auch Anderes:
Ein alter Mann ist Anfang dieses Jahres gestorben. Er starb in einem Ev. Krankenhaus und lebte davor in einem Ev. Seniorenheim. Die Familie ist uns bekannt.
Wir erzählen Ihnen ein wenig vom Todestag und dem folgenden Werktag, denn das ist gutes Anschauungsmaterial für unser Thema:
Der Mann starb am 1.1.2005, einem Samstag. 
Sein Sohn wurde vom Tod 2 ¼ Stunden nach Todeseintritt vom diensthabenden Arzt informiert, der Arzt hatte bis dahin in der Ambulanz zu tun. In dem kleinen Krankenhaus einer Kleinstadt lagen auf der Station ca. 5 Patienten, eine Schwester hatte Dienst. Der Sohn war 3 Std. nach Todeseintritt im Krankenhaus und fand seinen Vater folgendermaßen vor:
Sauerstoffschlauch in der Nase, Sauerstoffgerät noch in Betrieb. Infusionsnadel in der verbundenen Hand, mit Schlauch zum Infusionsständer verbunden, der Blasenkatheter lag noch, der Beutel hing am Bett, alle Pflegeutensilien lagen im Zimmer umher, das Bett war nicht frisch bezogen, die Leiche noch gelagert, mit getragenem Krankenhaushemd und ungekämmt. Lediglich die Hände waren auf der Bettdecke gefaltet und der Unterkiefer mit einer Tuchkonstruktion hochgehalten.
Weder der herbeigerufenen Schwester noch dem danach gerufenen Arzt fiel auf, wie die Leiche dort lag. Die Schwester klagte auch nicht über Überlastung als Entschuldigung. Offensichtlich war diese Nicht-Versorgung normal. Wie gesagt, nach dem Todeseintritt waren 3 Stunden vergangen.
Am darauf folgenden Montag rief der Sohn die Heimleitung des Altenheims an, um sich zu erkundigen, was mit dem Heim jetzt zu klären sei. Der erste Satz der Heimleiterin, nachdem sie kondoliert hatte: „Ja, Herr X, das Zimmer ihres Vaters müssen sie räumen.“ „Ich weiß,“ antwortete der Sohn, „ich komme am Freitag, dem Tag nach der Beerdigung, mit meinem Bruder, der noch einige Sachen aus dem Zimmer mitnehmen will.“ „Das ist zu spät, bitte räumen Sie das Zimmer bis Mittwoch.“ Der Sohn war sprachlos – was nicht oft passiert – und sagte am gleichen Tag, als er dann im Heim das Zimmer leerte, zu der Leiterin: „Sie haben mich richtig ärgerlich gemacht, indem sie von mir verlangten, das Zimmer vor der Beerdigung zu räumen.“ Ihre lapidare Antwort: „Ja? Aber bis Freitag wäre es zu lange hin.“

Weshalb erzählen wir das? 
Wir halten die Versorgung einer Leiche vor Eintreffen der Angehörigen für eine Selbstverständlichkeit. Für Angehörige, die nicht den Anblick eines Toten gewohnt sind und gerade einen lieben Menschen verloren haben, ist so eine unversorgte Leiche eine Zumutung. Das gilt für jedes Krankenhaus, unabhängig von der Trägerschaft. Für ein konfessionelles Haus, dem vom christlichen Hintergrund her ein würdiger Umgang auch mit Toten eine Verpflichtung ist, ist so ein Vorgang inakzeptabel. 
Ebenso halten wir es für unerträglich, ohne irgendeine Erklärung und ohne den Ausdruck des Bedauerns über das Bedrängen von Angehörigen die Räumung eines Zimmers vor der Beerdigung des bisherigen Bewohners zu verlangen.
 

II. Aus der Theologie

Protestantische Freiheit
Wir erleben heute, wie wir in unserer Kirche und in unserer Gesellschaft generell unter ungeahnte finanzielle Zwänge geraten. Globalisierung, wirtschaftliche Notwendigkeiten, Arbeitsplätze, technischer Fortschritt: die Zwangsvorgaben haben tausend Namen. Immer wird verlangt, dass wir uns fügen und anderes hintanstellen. Dabei geht Profil verloren. Dadurch werden wir unkenntlich. Damit verlieren wir Gesicht und Attraktivität. Die Teufelsspirale ist im vollen Gang, weil damit die wirtschaftlichen Zwänge nur weiter verschärft werden. Ein Ende ist erst da in Sicht, wo die protestantische Freiheit aufgehoben und die evangelische Kirche verschwunden ist. – An dieser Abwärtsspirale haben alle Teil. Warum sollte es denn noch evangelische Einrichtungen geben, wenn sie kein Profil haben? Warum sollten wir uns denn noch ev. Krankenhäuser leisten, wenn sie nicht evangelisch sind?!

1529 ist das evangelische Profil unter Protest geboren, indem sich die Evangelischen gegen eine heillose Entwicklung gestemmt und behauptet haben. Wir brauchen heute einen ähnlichen protestantischen Geist, um als Evangelische zu überleben.

Protestantischer Minimalismus
Protestanten sind Minimalisten: sie kommen mit einem Minimum an religiösem Gepäck aus. Das heißt nicht, dass sie nicht auch genießen und feiern und farbig sein dürften. Sehen Sie sich doch die Lutherbilder an: er war auch ein fröhlicher Genussmensch, ein „Lebemeister“, Gott sei Dank. – Aber Protestanten müssen nicht religiös und rituell ausufern. Das wird besonders eindrücklich in den drei protestantischen Allein-Formeln ausgedrückt:

· Allein der Glaube
· Allein die Gnade
· Allein die Schrift
 

Dieses dreimalige „Allein“ heißt ja auch: Mehr brauchen wir nicht.

Glaube ist nach Luthers Worten „ein herzliches Vertrauen“. Wir sollten hier also alle landläufigen Assoziationen beiseite lassen, wie nicht Wissen, (nur) für-möglich-Halten, für wahr-Halten, Ahnen, mystisches Einfühlen o.ä. Der protestantische Glaube ist primär eine Sache des Vertrauens. Und Vertrauen ist immer ein existenzielles Wagnis. Glauben heißt sich einlassen. So wie bei der Liebe: sich einlassen, ohne Garantien! Wer das in Sachen Religion übt, wird es in Sachen der Mitmenschlichkeit können. Was für ein Gewinn, wenn Menschen im Umgang miteinander gelernt haben, einander zu vertrauen, Vertrauensvorschuss zu gewähren und auch ein Wagnis einzugehen! 

Das „Allein“ hat es also in sich! Aber mehr braucht es auch nicht, um den Protestantismus zu verstehen und zu praktizieren. Alles andere, was da auch noch zu bedenken sein könnte, ist doch nur praktische Bewährung oder theoretische Erklärung des protestantischen „Allein der Glaube“.

Gnade ist auch ein missverständliches Wort. Es hat leicht etwas herablassend Imperiales. Gnade vor Recht: da klingt ein unangenehm patriarchaler Ton an. Aber das hebräisch-biblische Wort Chesed = Gnade hat einen völlig anderen Klang. Wir müssten es heute in unserem Sprachgebrauch mit „Solidarität“ übersetzen, also ein gesellschaftlich vermitteltes Sozialverhalten, das Wohl und Recht des Einzelnen mit dem Gedeihen der Anderen und der ganzen Gesellschaft vermittelt. Der „gnädige Gott“, den Luther gesucht und gefunden hat, ist zugleich der überlegene und der solidarische Gott. – Von Gottes Gnade zu leben, das genügt. Mehr brauchen wir nicht. Wenn es bei Paulus heißt: „Lass dir an meiner Gnade genügen“ (2. Kor 12, 9), dann ist das der biblische Impuls zu unserem protestantischen Minimalismus. 

Auch hier hat es das „Allein“ in sich. Und wo wir dieses „Allein“ zum protestantischen Minimalprofil machen, da können sich Umfeld alle Menschen grundsätzlich geborgen fühlen, bei Gott und darum auch bei uns. Da können sie die alte irische Schäferweisheit in unseren Reihen existenziell erfahren: „Menschen leben im Windschutz, den sie einander bieten.“ („It is in the shelter of each other that the people live“). Da sehen sie protestantisches Profil, wo Menschen das bei uns erleben.

Schrift ist heute nicht mehr das exklusive Medium der Wenigen. Darum steckt im Schriftbezug des Protestantismus der grundsätzliche Beteiligungsaspekt aller. Alle können und sollen auch selbst urteilen und selbständig bedenken, um was es geht. Es gibt keine Autorität, die für uns entscheidet, was Gottes Wort heute und hier in konkreter Anwendung sei. Um das herauszufinden, sind alle auf die allen zugängliche Schrift bezogen. Wir sprechen darum ausdrücklich vom allgemeinen Priestertum aller Gläubigen. In der rabbinischen Tradition spricht man sogar von der rabbinischen Auslegungsdemokratie. Wir haben auch eine protestantische Auslegungsdemokratie anstelle einer zentralen Auslegungshierarchie. Wo dieses protestantische Schriftprinzip lebendig gelebt wird, da wird deutlich die Bedeutung jeder einzelnen Person in einem System gestärkt, Individualität gefördert und die Achtung vor „dem Anderen“ bis ins Unterbewusste eingeübt.

Auch dieses dritte „Allein“ hat es in sich. Allein die Schrift: Und die lese ich mit oder ohne fachliche Hilfe genauso wie du. Darum lasst uns miteinander reden und gemeinsam entscheiden. Und wo aus sachlichen Gründen nur einer entscheiden kann, da können wir das Entscheidungsrecht zwar delegieren, aber wir alle wissen, es ist nur ein übertragenes, aber kein überlegenes Recht.

Der protestantische Minimalismus, der mit den drei „Allein“–Formeln umschrieben ist, verbindet ein Höchstmaß an Freiheit mit einem hohen Maß an individueller Verantwortung. Etwas zu heldisch wird dieser protestantische Zug in unserer Folklore mit Luthers angeblichen Worten vor dem Reichstag zu Worms ausgedrückt: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“

Protestantisches Gehör
Wenn wir den Protestantismus in einem Bild darstellen müssten, dann könnten wir analog zu Edvard Munchs Bild „Der Schrei“, das ein fast nur aus einem schreienden Mund bestehendes menschliches Gesicht zeigt, eine Gegenvision malen unter dem Titel „Das Ohr“. Und zu sehen wäre ein intensiv hörendes menschliches Gesicht, ein Hörgesicht. Denn das ist es, was nach Luther unser Menschsein in Gottes Gegenwart ausmacht: das Hören-Können. Luther erklärt: Das Reich Gottes ist ein Hörreich im Hier und Jetzt! Jetzt höre ich, oder ich höre gar nicht. 
Darum gibt es eine so reich protestantische Kirchenmusik, darum so unvergleichliche protestantische Orgel- und Choralwerke, darum die Bach’schen Passionen und Kantaten. Und darum müsste eine evangelische Kirche vor allem eine hörende und klingende Kirche sein. Und darum müsste eine protestantische Einrichtung vom Kindergarten über Schule, Krankenhaus und bis zum Altersheim vorrangig zu erkennen sein an allem, was da zu hören ist. 

Dabei sprechen wir nicht gegen Bilder und bildende Kunst. Auch sie gehören in jedes kultivierte Haus. Der Bildersturm von Wittenberg und Genf war ein schrecklicher und zutiefst bedauerlicher Irrtum des protestantischen Sturm und Drang. Aber unser eigenes Profil zeigt sich nicht zuerst in den Bildern, sondern in Wort und Ton, im protestantischen Gehör.

Und Hören-Können ist die Voraussetzung für jede Seelsorge ebenso wie für jede ärztliche Anamnese. Das ist der Profilanspruch, den wir für jede protestantische Einrichtung erheben: Hier werden Menschen gehört mit besonderer Aufmerksamkeit, mit besonderem Gespür auch für Unter- und Zwischentöne, mit hörbereiter „Ehrfurcht vor dem Leben“ (A. Schweitzer).

Wieder meinen wir, dass die religiöse Einübung des „protestantischen Gehörs“ uns befähigen wird zu einem feinen Gespür für soziale und psychosoziale Zusammenhänge auch in unserem kirchlichen und medizinischen Alltag.

Rechtfertigung im Glauben, aus Gnade
Mit recht sein und Recht haben, und recht machen und Recht schaffen haben wir allenthalben zu tun. Liebe und Gerechtigkeit, lieb sein und Recht schaffen sind die zentralen Impulse unseres menschlichen Zusammenlebens. Und darum hat Luther sozusagen mitten hinein gegriffen in unser Leben, als er die Gerechtigkeit Gottes und die Rechtfertigung des Menschen zum zentralen Thema unseres Glaubens machte. 
Luthers Rechtfertigungslehre heißt: So nicht! Kein Mensch wird durch Leistung gerecht, weder vor anderen Menschen, noch gar vor Gott. Auch nicht durch fromme Leistungen; wie viel seelische Verkrüppelungen hat frömmelnder Leistungszwang zu verantworten! Menschen werden vor Gott gerecht allein aus Gnade und allein durch den Glauben, d. h. das vertrauende Leben aus dieser Gnade. 

Mit der protestantischen Rechtfertigungslehre haben Luther und Melanchthon, Zwingli und Calvin das Befreiendste und Konkreteste gesagt, was in religiöser und sozialer Hinsicht überhaupt vom Menschen gesagt werden kann: In letzter Instanz wirst du gerecht allein aus Gnade, allein durch den Glauben. – Da ist er wieder, der protestantische Minimalismus! Und daraus folgt eine menschliche Praxis, die - so weit wir sehen können - durch nichts zu überbieten ist. Schluss mit den frommen Leistungen! Dieser Leistungszwang führt zu aller Art von Krämpfen und Versagenserfahrungen, zumal wenn er noch durch angeblich göttliche Forderungen beschwert wird.

So ist unsere protestantische Sorge für alle Menschen immer daran zu messen und daran auszurichten, dass wir genug Gelegenheit bieten zu vertrauendem Zusammenleben. Protestantisches Profil wäre in jeder unserer Einrichtungen zu messen an der Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens, das da herrschen und sich entwickeln kann.

Wir geben Ihnen ein Beispiel aus der seelsorgerlichen Praxis und Sie mögen das geschickt übertragen in Ihre eigene ärztliche oder pflegerische Praxis: Von einem bekannten Rabbi wird erzählt:

„Der Berditschewer ging einst auf der Straße auf einen Mann zu, der ein hohes Amt innehatte und ebenso böse wie mächtig war, fasste ihn am Saum seine Rocks und sprach zu ihm: ‚Herr, ich beneide dich. Wenn du zu Gott umkehrst, wird aus jedem deiner Flecken ein Lichtstrahl werden und du wirst ganz zu Licht gedeihen. Herr, ich beneide dich um dein großes Leuchten.’“

Das ist die befreiende Praxis, die wir in der protestantischen Rechtfertigungslehre lernen: niemanden auf sein Defizit, aber uns alle auf unsere bei Gott noch verborgenen Möglichkeiten hin anzusprechen. Eine solche Praxis profiliert all unsere Tätigkeiten als protestantisch, menschlich und befreiend.

III. Für die Praxis

Wir haben gefragt: Warum sollte es denn überhaupt noch evangelische Einrichtungen geben, wenn sie kein entsprechendes Profil haben?
Dazu ist unsere erste These: Wenn sich ein konfessionelles Haus nicht im Umgang mit Patienten und Mitarbeitenden von anderen Häusern unterscheidet, hat es letzten Endes keine Daseinsberechtigung. Umgekehrt: Das ein christliches Haus von anderen Unterscheidende kann im Wettbewerb ein erfolgskritischer Faktor sein.
Mit dieser These ist nicht die Behauptung verbunden, die hier vertretenen evangelischen Einrichtungen hätten kein Profil. Wir möchten zum Nachdenken über das vorhandene Profil einladen und Gedanken vortragen, die nach dem Profil in den organisationalen Abläufen fragen.
Patienten suchen ein Krankenhaus nicht allein danach aus, ob dort gute Medizin und Pflege gemacht wird. Die sind sicher wichtig und unerlässlich – an allen Häusern, unabhängig von der Trägerschaft. Für Patienten ist zusätzlich von Bedeutung, wie sie als kranke Menschen behandelt werden.
Patienten suchen gerade für die relevanten Schnittstellen des Lebens am Anfang und am Ende ein konfessionelles Haus auf, weil sie dort das „Besondere“ erwarten, das sie selbst nur ganz schwer beschreiben können. Es hat mit Atmosphäre zu tun, mit Fürsorge, Freundlichkeit, Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der kranken Menschen. Wir haben das weiter oben vertrauendes Zusammenleben genannt.
Nun haben konfessionelle Häuser dieses Besondere häufig genug an das Personal delegiert. Die Pflegenden gehen in besonderer Weise auf Patienten ein, vermitteln den Geist des Hauses. An die Ärzte werden oft nicht die gleichen Anforderungen gestellt, sie sind eben als Mediziner wichtig für das gute Operieren, die gute Narkose, die körperliche Wiederherstellung, Gesundung, medikamentöse Einstellung. Erst an zweiter Stelle scheint ihr Umgang mit den Patienten als kranken Menschen von Bedeutung.
Mit dieser Delegation des Besonderen an das nicht-medizinische Personal sind Mitarbeitende in konfessionellen Häusern allerdings dann überfordert, wenn die Organisationsstrukturen und –abläufe nicht angepasst sind und wenn das Besondere nicht als Besonderes vermittelt und in einen Sinnkontext gestellt wird.

Was heißt das?
Wenn ein evangelisches Haus im Leitbild vom christlichen Menschenbild spricht, dem es sich verpflichtet fühlt, dann muss auch ausgeführt werden, was damit gemeint ist. Bei der Mehrzahl der Mitarbeitenden kann nicht mehr vorausgesetzt werden, dass sie Kenntnis von dem oder gar Bindung an den christlichen Glauben mitbringen. Dann gehört aber in die innerbetriebliche Weiterbildung das Durchbuchstabieren christlicher Kernaussagen ebenso hinein wie die fortlaufende Weiterbildung zu pflegerischen und medizinischen Themen.
Damit wir nicht missverstanden werden: Uns geht es nicht um Bibelstunden, uns geht es um den Bezug biblischer Aussagen zum beruflichen Alltag im Krankenhaus und Altenheim. So wie wir das an den drei Kernbegriffen des Protestantismus soeben getan haben, als wir Glaube, Gnade und Schrift für den Alltag als Vertrauen, Solidarität und gemeinsame Verantwortung übersetzt haben. 
Was heißt evangeliumsgemäß mit Menschen umgehen? Mit Patienten und mit Mitarbeitenden? Das ist die Frage, die konkret durchdekliniert werden muss im Blick auf die Routinen des Hauses.
Dieser Frage muss sich zuerst die Leitung stellen. „Wenn die Leitungsleute mit der Botschaft des Evangeliums nichts anfangen können, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass in diesen Häusern etwas davon merkbar wird“, formuliert der katholische Theologe und Management-Professor Heribert Gärtner (Wie kommt das Evangelium in die Organisation?, S. 73). Das ist der Grund, warum wir Sie heute eingeladen haben: Sie sind als Leitungsverantwortliche entscheidend, wenn es um die Entwicklung und Umsetzung eines evangelischen Profils geht.
Das gilt für den standardisierten Umgang mit Patienten und mit Mitarbeitern. Das Standardisierte ist uns deshalb wichtig, weil es über das individuelle Tun hinausgeht. Nicht nur die individuelle Kompetenz und Genialität für einen evangeliumsgemäßen Umgang ist gefragt. Wichtiger noch ist, wie sich evangeliumsgemäßer Umgang in den Abläufen und Arbeitsprozessen niederschlägt.
Das ist unsere zweite These: Das evangelische Profil ist nicht primär abhängig von dem individuellen Engagement und der individuellen Glaubenshaltung der Mitarbeitenden, sondern davon, wie evangeliumsgemäß die Abläufe und Strukturen eines Hauses sind.

Wir kommen auf den Tod des alten Mannes zurück: Wenn wir davon überzeugt sind, dass der Mensch seine Würde nie verliert, dann gilt das auch im Tod. Dann gehört z.B. eine schnelle Abnahme der Geräte, die im Krankheitsfall lebenswichtig waren, nach dem Eintritt des Todes zum Standard, wie mit Toten umgegangen wird. Wenn Trauer um einen Menschen eine würdige Umgebung verlangt, in der Trauer gelebt werden kann, dann gehört es z.B. ebenso zum Standard, den Toten so zu versorgen und ein Krankenzimmer so zu gestalten, dass dort getrauert werden kann.
Wenn die Fähigkeit zum Mitleiden ein wesentlicher Ausdruck evangeliumsgemäßen Umgangs mit Menschen ist, dann sind Regeln dafür zu finden, wie die ökonomische Notwendigkeit, ein Zimmer im Altenheim schnell wieder belegt zu bekommen, mit dem Rhythmus und dem Tempo Trauernder verknüpft werden kann.
Ich nenne weitere Beispiele, für die Standards angemessen sind und nicht nur die individuelle Einfühlsamkeit des Personals:
Wie wird ein Patient aufgenommen, der zur Operation angemeldet ist, an der Pforte und in der Aufnahme?
Parallel dazu: Wie wird die Aufnahme in ein Heim gestaltet?
Wie wird mit der Scham von Patienten in einem Mehrbettzimmer in der Pflege, bei Untersuchungen und Visiten umgegangen?
Wie werden Patienten schwere Diagnosen vermittelt, wie wird anschließend Zeit für sie vorgesehen, wie die Seelsorge einbezogen?
Wie wird professionelle Schmerztherapie sichergestellt durch interdisziplinäre Zusammenarbeit über Stationsgrenzen hinweg?
Wie wird Sterben ermöglicht? Gibt es geeignete Räume, „können Angehörige übernachten, ermöglicht der Dienstplan die erforderliche vermehrte Aufmerksamkeit, gibt es vielleicht ehrenamtlich tätige Menschen, die dabei bleiben, wenn es keine Angehörigen mehr gibt?“ (Gärtner, Wie kommt das Evangelium in die Organisation?, S. 74)
Wie wird in einem Heim mit dem Tod einer Bewohnerin umgegangen, wie damit, wenn der Partner einer Bewohnerin stirbt, der nicht mit im Heim ist?
Wenn es stimmt, dass Protestantismus eine Hör-Religion ist und es bei dem Grundsatz „Allein die Schrift“ um eine gemeinsame Entscheidung in Auslegungsfragen geht, ist es dann nicht für ein evangelisches Haus interessant, sich um das Konzept des Shared decision making zu kümmern, eine Arzt-Patient-Kommunikation, die den Patienten sehr ernst und in die gemeinsame Verantwortung nimmt?
Und was heißt evangeliumsgemäßer Umgang bezogen auf das Personal?
Wenn zum Menschsein auch das Scheitern, das Fehler machen gehört, wie wird damit in der Personalführung umgegangen?
Wie wird darauf geachtet, dass in den äußerst stressigen Systemen Krankenhaus und Altenheim den Mitarbeitenden ein Arbeiten ermöglicht wird, dass sie gesund erhält? Hier sind Arbeitszeitregelungen, Dienstplangestaltung, Personalschlüssel, Supervision und andere Entlastungsmöglichkeiten angesprochen.
Welche spirituellen Angebote gibt es für Mitarbeitende?
Wie wird bei der Personalauswahl darauf geachtet, welchen Bezug zur Konfessionalität des Hauses ein Bewerber hat und wie wird ihm nahegebracht, was ihn erwartet, wenn er dort arbeitet? Einzelne Einrichtungen haben beispielsweise mittlerweile Broschüren herausgegeben, in denen die Mitarbeiter über christliche Feiertage und Gebräuche informiert werden. (Josefs-Gesellschaft, Köln)

Glaube, Gnade, Schrift, Vertrauen, Solidarität, gemeinsame Verantwortung, Hören können und vertrauensvolles Zusammenleben als Eckpunkte eines evangelischen Profils haben wir Ihnen vorgetragen.
Unser Anliegen ist es, diese Profileckpunkte auch organisational zu verankern.
Für die Häuser, die eine Zertifizierung nach KTQ und ProCumCert anstreben, sind die von uns genannten Themen nicht neu.
In dem Fragenkatalog von ProCumCert werden die Aufnahme, die Rücksicht auf die Scham der Patienten, der Umgang mit schwerkranken und sterbenden Menschen erfragt. Ebenso der Umgang mit dem Personal und die Spiritualität in einem Haus.
Gerade in diesen Punkten unterscheidet sich die Zertifizierung nach DIN ISO 9001 oder KTQ von der nach ProCumCert. Gerade darin wird aus der Sicht der Zertifizierungsgesellschaft das konfessionelle Profil erkennbar.

Wenn es stimmt, dass Patienten sich bewusst für konfessionelle Häuser entscheiden in Krisensituationen, weil sie als Leidende dort gesehen werden und damit mehr als Kunden sind, dann kommt der Ausprägung des evangelischen Profils auch aus Wettbewerbssicht hohe Bedeutung zu. Dann sind damit ökonomische Vorteile zu erzielen – dann kann und muss man allerdings auch Geld investieren zur Ausformung und Implementierung des Profils in die alltäglichen Abläufe.
Es geht um Investitionen in Organisations- und Personalentwicklung. Bei der Organisationsentwicklung geht es um die Gestaltung eines Regelwerks, das wie ein Straßennetz funktioniert, auf dem sich das Verhalten der Mitarbeitenden bewegt. Bei der Personalentwicklung geht es um die Befähigung der Menschen, die Kernaussagen der christlichen Botschaft zu verstehen und für ihren Berufsalltag übersetzen zu können.
 
 

 
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