Eckpunkte
eines evangelischen Profils in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern
Wolfgang
Jacobs, Marten Marquardt
Der
Vortrag wurde Mitte März 2005 von dem evangelischen Krankenhausseelsorger,
Pfarrer Wolfgang Jacobs, und dem Leiter der evangelischen Melanchthon-Akademie,
Pfarrer Marten Marquardt, vor Mitgliedern der Leitungen der evangelischen
Krankenhäuser und der evangelischen Einrichtungen der Altenpflege
im Bereich des Stadtkirchenverbandes Köln gehalten.
I.
Aus der Praxis
Sehr
geehrte Damen und Herren,
wir
beginnen mit zwei Beispielen aus Krankenhäusern und einem Altenheim,
um den Horizont abzuschreiten, der bei dem Thema der Eckpunkte eines evangelischen
Profils besteht.
Wenn
in dem katholischen Haus, in dem ich (Jacobs) Krankenhausseelsorger bin,
ein Mensch stirbt, geschieht Folgendes:
Vor
dem Tod wird der sterbende Mensch gefragt, ob ein Seelsorger benachrichtigt
werden soll, die Angehörigen werden gefragt, wenn der Sterbende sich
nicht mehr äußern kann. Die Pflege benachrichtigt dann eine
Seelsorgerin oder einen Seelsorger, wenn die Anwesenheit erwünscht
ist – bei Katholiken ist fast immer die Krankensalbung gewollt.
Ist
der Mensch gestorben in Anwesenheit von Angehörigen, haben diese so
viel Zeit wie sie wollen, sich von dem Toten zu verabschieden. Die Pflege
bittet nach einiger Zeit die Angehörigen kurz aus dem Zimmer, um die
Schläuche zu entfernen, ihn zu waschen und zu kämmen, den Toten
neu anzuziehen, Pflegematerial aus dem Zimmer zu entfernen, eine Kerze
und ein Kreuz auf den Nachttisch zu stellen.
Sind
keine Angehörigen anwesend, werden der Tote und das Sterbezimmer vor
dem Eintreffen der Angehörigen hergerichtet, damit sie in einer würdigen
Umgebung trauern und Abschied nehmen können.
Das
ist ein vertrauter Standard, der im Haus nicht schriftlich festgelegt ist,
der aber allen Pflegenden bekannt ist und an den sich alle selbstverständlich
halten.
Vielleicht
ist es in ihren Häusern ja ähnlich.
Doch
es gibt auch Anderes:
Ein
alter Mann ist Anfang dieses Jahres gestorben. Er starb in einem Ev. Krankenhaus
und lebte davor in einem Ev. Seniorenheim. Die Familie ist uns bekannt.
Wir
erzählen Ihnen ein wenig vom Todestag und dem folgenden Werktag, denn
das ist gutes Anschauungsmaterial für unser Thema:
Der
Mann starb am 1.1.2005, einem Samstag.
Sein
Sohn wurde vom Tod 2 ¼ Stunden nach Todeseintritt vom diensthabenden
Arzt informiert, der Arzt hatte bis dahin in der Ambulanz zu tun. In dem
kleinen Krankenhaus einer Kleinstadt lagen auf der Station ca. 5 Patienten,
eine Schwester hatte Dienst. Der Sohn war 3 Std. nach Todeseintritt im
Krankenhaus und fand seinen Vater folgendermaßen vor:
Sauerstoffschlauch
in der Nase, Sauerstoffgerät noch in Betrieb. Infusionsnadel in der
verbundenen Hand, mit Schlauch zum Infusionsständer verbunden, der
Blasenkatheter lag noch, der Beutel hing am Bett, alle Pflegeutensilien
lagen im Zimmer umher, das Bett war nicht frisch bezogen, die Leiche noch
gelagert, mit getragenem Krankenhaushemd und ungekämmt. Lediglich
die Hände waren auf der Bettdecke gefaltet und der Unterkiefer mit
einer Tuchkonstruktion hochgehalten.
Weder
der herbeigerufenen Schwester noch dem danach gerufenen Arzt fiel auf,
wie die Leiche dort lag. Die Schwester klagte auch nicht über Überlastung
als Entschuldigung. Offensichtlich war diese Nicht-Versorgung normal. Wie
gesagt, nach dem Todeseintritt waren 3 Stunden vergangen.
Am
darauf folgenden Montag rief der Sohn die Heimleitung des Altenheims an,
um sich zu erkundigen, was mit dem Heim jetzt zu klären sei. Der erste
Satz der Heimleiterin, nachdem sie kondoliert hatte: „Ja, Herr X, das Zimmer
ihres Vaters müssen sie räumen.“ „Ich weiß,“ antwortete
der Sohn, „ich komme am Freitag, dem Tag nach der Beerdigung, mit meinem
Bruder, der noch einige Sachen aus dem Zimmer mitnehmen will.“ „Das ist
zu spät, bitte räumen Sie das Zimmer bis Mittwoch.“ Der Sohn
war sprachlos – was nicht oft passiert – und sagte am gleichen Tag, als
er dann im Heim das Zimmer leerte, zu der Leiterin: „Sie haben mich richtig
ärgerlich gemacht, indem sie von mir verlangten, das Zimmer vor der
Beerdigung zu räumen.“ Ihre lapidare Antwort: „Ja? Aber bis Freitag
wäre es zu lange hin.“
Weshalb
erzählen wir das?
Wir
halten die Versorgung einer Leiche vor Eintreffen der Angehörigen
für eine Selbstverständlichkeit. Für Angehörige, die
nicht den Anblick eines Toten gewohnt sind und gerade einen lieben Menschen
verloren haben, ist so eine unversorgte Leiche eine Zumutung. Das gilt
für jedes Krankenhaus, unabhängig von der Trägerschaft.
Für ein konfessionelles Haus, dem vom christlichen Hintergrund her
ein würdiger Umgang auch mit Toten eine Verpflichtung ist, ist so
ein Vorgang inakzeptabel.
Ebenso
halten wir es für unerträglich, ohne irgendeine Erklärung
und ohne den Ausdruck des Bedauerns über das Bedrängen von Angehörigen
die Räumung eines Zimmers vor der Beerdigung des bisherigen Bewohners
zu verlangen.
II.
Aus der Theologie
Protestantische
Freiheit
Wir
erleben heute, wie wir in unserer Kirche und in unserer Gesellschaft generell
unter ungeahnte finanzielle Zwänge geraten. Globalisierung, wirtschaftliche
Notwendigkeiten, Arbeitsplätze, technischer Fortschritt: die Zwangsvorgaben
haben tausend Namen. Immer wird verlangt, dass wir uns fügen und anderes
hintanstellen. Dabei geht Profil verloren. Dadurch werden wir unkenntlich.
Damit verlieren wir Gesicht und Attraktivität. Die Teufelsspirale
ist im vollen Gang, weil damit die wirtschaftlichen Zwänge nur weiter
verschärft werden. Ein Ende ist erst da in Sicht, wo die protestantische
Freiheit aufgehoben und die evangelische Kirche verschwunden ist. – An
dieser Abwärtsspirale haben alle Teil. Warum sollte es denn noch evangelische
Einrichtungen geben, wenn sie kein Profil haben? Warum sollten wir uns
denn noch ev. Krankenhäuser leisten, wenn sie nicht evangelisch sind?!
1529
ist das evangelische Profil unter Protest geboren, indem sich die Evangelischen
gegen eine heillose Entwicklung gestemmt und behauptet haben. Wir brauchen
heute einen ähnlichen protestantischen Geist, um als Evangelische
zu überleben.
Protestantischer
Minimalismus
Protestanten
sind Minimalisten: sie kommen mit einem Minimum an religiösem Gepäck
aus. Das heißt nicht, dass sie nicht auch genießen und feiern
und farbig sein dürften. Sehen Sie sich doch die Lutherbilder an:
er war auch ein fröhlicher Genussmensch, ein „Lebemeister“, Gott sei
Dank. – Aber Protestanten müssen nicht religiös und rituell ausufern.
Das wird besonders eindrücklich in den drei protestantischen Allein-Formeln
ausgedrückt:
·
Allein der Glaube
·
Allein die Gnade
·
Allein die Schrift
Dieses
dreimalige „Allein“ heißt ja auch: Mehr brauchen wir nicht.
Glaube
ist nach Luthers Worten „ein herzliches Vertrauen“. Wir sollten hier also
alle landläufigen Assoziationen beiseite lassen, wie nicht Wissen,
(nur) für-möglich-Halten, für wahr-Halten, Ahnen, mystisches
Einfühlen o.ä. Der protestantische Glaube ist primär eine
Sache des Vertrauens. Und Vertrauen ist immer ein existenzielles Wagnis.
Glauben heißt sich einlassen. So wie bei der Liebe: sich einlassen,
ohne Garantien! Wer das in Sachen Religion übt, wird es in Sachen
der Mitmenschlichkeit können. Was für ein Gewinn, wenn Menschen
im Umgang miteinander gelernt haben, einander zu vertrauen, Vertrauensvorschuss
zu gewähren und auch ein Wagnis einzugehen!
Das
„Allein“ hat es also in sich! Aber mehr braucht es auch nicht, um den Protestantismus
zu verstehen und zu praktizieren. Alles andere, was da auch noch zu bedenken
sein könnte, ist doch nur praktische Bewährung oder theoretische
Erklärung des protestantischen „Allein der Glaube“.
Gnade
ist auch ein missverständliches Wort. Es hat leicht etwas herablassend
Imperiales. Gnade vor Recht: da klingt ein unangenehm patriarchaler Ton
an. Aber das hebräisch-biblische Wort Chesed = Gnade hat einen völlig
anderen Klang. Wir müssten es heute in unserem Sprachgebrauch mit
„Solidarität“ übersetzen, also ein gesellschaftlich vermitteltes
Sozialverhalten, das Wohl und Recht des Einzelnen mit dem Gedeihen der
Anderen und der ganzen Gesellschaft vermittelt. Der „gnädige Gott“,
den Luther gesucht und gefunden hat, ist zugleich der überlegene und
der solidarische Gott. – Von Gottes Gnade zu leben, das genügt. Mehr
brauchen wir nicht. Wenn es bei Paulus heißt: „Lass dir an meiner
Gnade genügen“ (2. Kor 12, 9), dann ist das der biblische Impuls zu
unserem protestantischen Minimalismus.
Auch
hier hat es das „Allein“ in sich. Und wo wir dieses „Allein“ zum protestantischen
Minimalprofil machen, da können sich Umfeld alle Menschen grundsätzlich
geborgen fühlen, bei Gott und darum auch bei uns. Da können sie
die alte irische Schäferweisheit in unseren Reihen existenziell erfahren:
„Menschen leben im Windschutz, den sie einander bieten.“ („It is in the
shelter of each other that the people live“). Da sehen sie protestantisches
Profil, wo Menschen das bei uns erleben.
Schrift
ist heute nicht mehr das exklusive Medium der Wenigen. Darum steckt im
Schriftbezug des Protestantismus der grundsätzliche Beteiligungsaspekt
aller. Alle können und sollen auch selbst urteilen und selbständig
bedenken, um was es geht. Es gibt keine Autorität, die für uns
entscheidet, was Gottes Wort heute und hier in konkreter Anwendung sei.
Um das herauszufinden, sind alle auf die allen zugängliche Schrift
bezogen. Wir sprechen darum ausdrücklich vom allgemeinen Priestertum
aller Gläubigen. In der rabbinischen Tradition spricht man sogar von
der rabbinischen Auslegungsdemokratie. Wir haben auch eine protestantische
Auslegungsdemokratie anstelle einer zentralen Auslegungshierarchie. Wo
dieses protestantische Schriftprinzip lebendig gelebt wird, da wird deutlich
die Bedeutung jeder einzelnen Person in einem System gestärkt, Individualität
gefördert und die Achtung vor „dem Anderen“ bis ins Unterbewusste
eingeübt.
Auch
dieses dritte „Allein“ hat es in sich. Allein die Schrift: Und die lese
ich mit oder ohne fachliche Hilfe genauso wie du. Darum lasst uns miteinander
reden und gemeinsam entscheiden. Und wo aus sachlichen Gründen nur
einer entscheiden kann, da können wir das Entscheidungsrecht zwar
delegieren, aber wir alle wissen, es ist nur ein übertragenes, aber
kein überlegenes Recht.
Der
protestantische Minimalismus, der mit den drei „Allein“–Formeln umschrieben
ist, verbindet ein Höchstmaß an Freiheit mit einem hohen Maß
an individueller Verantwortung. Etwas zu heldisch wird dieser protestantische
Zug in unserer Folklore mit Luthers angeblichen Worten vor dem Reichstag
zu Worms ausgedrückt: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“
Protestantisches
Gehör
Wenn
wir den Protestantismus in einem Bild darstellen müssten, dann könnten
wir analog zu Edvard Munchs Bild „Der Schrei“, das ein fast nur aus einem
schreienden Mund bestehendes menschliches Gesicht zeigt, eine Gegenvision
malen unter dem Titel „Das Ohr“. Und zu sehen wäre ein intensiv hörendes
menschliches Gesicht, ein Hörgesicht. Denn das ist es, was nach Luther
unser Menschsein in Gottes Gegenwart ausmacht: das Hören-Können.
Luther erklärt: Das Reich Gottes ist ein Hörreich im Hier und
Jetzt! Jetzt höre ich, oder ich höre gar nicht.
Darum
gibt es eine so reich protestantische Kirchenmusik, darum so unvergleichliche
protestantische Orgel- und Choralwerke, darum die Bach’schen Passionen
und Kantaten. Und darum müsste eine evangelische Kirche vor allem
eine hörende und klingende Kirche sein. Und darum müsste eine
protestantische Einrichtung vom Kindergarten über Schule, Krankenhaus
und bis zum Altersheim vorrangig zu erkennen sein an allem, was da zu hören
ist.
Dabei
sprechen wir nicht gegen Bilder und bildende Kunst. Auch sie gehören
in jedes kultivierte Haus. Der Bildersturm von Wittenberg und Genf war
ein schrecklicher und zutiefst bedauerlicher Irrtum des protestantischen
Sturm und Drang. Aber unser eigenes Profil zeigt sich nicht zuerst in den
Bildern, sondern in Wort und Ton, im protestantischen Gehör.
Und
Hören-Können ist die Voraussetzung für jede Seelsorge ebenso
wie für jede ärztliche Anamnese. Das ist der Profilanspruch,
den wir für jede protestantische Einrichtung erheben: Hier werden
Menschen gehört mit besonderer Aufmerksamkeit, mit besonderem Gespür
auch für Unter- und Zwischentöne, mit hörbereiter „Ehrfurcht
vor dem Leben“ (A. Schweitzer).
Wieder
meinen wir, dass die religiöse Einübung des „protestantischen
Gehörs“ uns befähigen wird zu einem feinen Gespür für
soziale und psychosoziale Zusammenhänge auch in unserem kirchlichen
und medizinischen Alltag.
Rechtfertigung
im Glauben, aus Gnade
Mit
recht sein und Recht haben, und recht machen und Recht schaffen haben wir
allenthalben zu tun. Liebe und Gerechtigkeit, lieb sein und Recht schaffen
sind die zentralen Impulse unseres menschlichen Zusammenlebens. Und darum
hat Luther sozusagen mitten hinein gegriffen in unser Leben, als er die
Gerechtigkeit Gottes und die Rechtfertigung des Menschen zum zentralen
Thema unseres Glaubens machte.
Luthers
Rechtfertigungslehre heißt: So nicht! Kein Mensch wird durch Leistung
gerecht, weder vor anderen Menschen, noch gar vor Gott. Auch nicht durch
fromme Leistungen; wie viel seelische Verkrüppelungen hat frömmelnder
Leistungszwang zu verantworten! Menschen werden vor Gott gerecht allein
aus Gnade und allein durch den Glauben, d. h. das vertrauende Leben aus
dieser Gnade.
Mit
der protestantischen Rechtfertigungslehre haben Luther und Melanchthon,
Zwingli und Calvin das Befreiendste und Konkreteste gesagt, was in religiöser
und sozialer Hinsicht überhaupt vom Menschen gesagt werden kann: In
letzter Instanz wirst du gerecht allein aus Gnade, allein durch den Glauben.
– Da ist er wieder, der protestantische Minimalismus! Und daraus folgt
eine menschliche Praxis, die - so weit wir sehen können - durch nichts
zu überbieten ist. Schluss mit den frommen Leistungen! Dieser Leistungszwang
führt zu aller Art von Krämpfen und Versagenserfahrungen, zumal
wenn er noch durch angeblich göttliche Forderungen beschwert wird.
So
ist unsere protestantische Sorge für alle Menschen immer daran zu
messen und daran auszurichten, dass wir genug Gelegenheit bieten zu vertrauendem
Zusammenleben. Protestantisches Profil wäre in jeder unserer Einrichtungen
zu messen an der Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens, das da herrschen
und sich entwickeln kann.
Wir
geben Ihnen ein Beispiel aus der seelsorgerlichen Praxis und Sie mögen
das geschickt übertragen in Ihre eigene ärztliche oder pflegerische
Praxis: Von einem bekannten Rabbi wird erzählt:
„Der
Berditschewer ging einst auf der Straße auf einen Mann zu, der ein
hohes Amt innehatte und ebenso böse wie mächtig war, fasste ihn
am Saum seine Rocks und sprach zu ihm: ‚Herr, ich beneide dich. Wenn du
zu Gott umkehrst, wird aus jedem deiner Flecken ein Lichtstrahl werden
und du wirst ganz zu Licht gedeihen. Herr, ich beneide dich um dein großes
Leuchten.’“
Das
ist die befreiende Praxis, die wir in der protestantischen Rechtfertigungslehre
lernen: niemanden auf sein Defizit, aber uns alle auf unsere bei Gott noch
verborgenen Möglichkeiten hin anzusprechen. Eine solche Praxis profiliert
all unsere Tätigkeiten als protestantisch, menschlich und befreiend.
III.
Für die Praxis
Wir
haben gefragt: Warum sollte es denn überhaupt noch evangelische Einrichtungen
geben, wenn sie kein entsprechendes Profil haben?
Dazu
ist unsere erste These: Wenn sich ein konfessionelles Haus nicht im Umgang
mit Patienten und Mitarbeitenden von anderen Häusern unterscheidet,
hat es letzten Endes keine Daseinsberechtigung. Umgekehrt: Das ein christliches
Haus von anderen Unterscheidende kann im Wettbewerb ein erfolgskritischer
Faktor sein.
Mit
dieser These ist nicht die Behauptung verbunden, die hier vertretenen evangelischen
Einrichtungen hätten kein Profil. Wir möchten zum Nachdenken
über das vorhandene Profil einladen und Gedanken vortragen, die nach
dem Profil in den organisationalen Abläufen fragen.
Patienten
suchen ein Krankenhaus nicht allein danach aus, ob dort gute Medizin und
Pflege gemacht wird. Die sind sicher wichtig und unerlässlich – an
allen Häusern, unabhängig von der Trägerschaft. Für
Patienten ist zusätzlich von Bedeutung, wie sie als kranke Menschen
behandelt werden.
Patienten
suchen gerade für die relevanten Schnittstellen des Lebens am Anfang
und am Ende ein konfessionelles Haus auf, weil sie dort das „Besondere“
erwarten, das sie selbst nur ganz schwer beschreiben können. Es hat
mit Atmosphäre zu tun, mit Fürsorge, Freundlichkeit, Rücksichtnahme
auf die Bedürfnisse der kranken Menschen. Wir haben das weiter oben
vertrauendes Zusammenleben genannt.
Nun
haben konfessionelle Häuser dieses Besondere häufig genug an
das Personal delegiert. Die Pflegenden gehen in besonderer Weise auf Patienten
ein, vermitteln den Geist des Hauses. An die Ärzte werden oft nicht
die gleichen Anforderungen gestellt, sie sind eben als Mediziner wichtig
für das gute Operieren, die gute Narkose, die körperliche Wiederherstellung,
Gesundung, medikamentöse Einstellung. Erst an zweiter Stelle scheint
ihr Umgang mit den Patienten als kranken Menschen von Bedeutung.
Mit
dieser Delegation des Besonderen an das nicht-medizinische Personal sind
Mitarbeitende in konfessionellen Häusern allerdings dann überfordert,
wenn die Organisationsstrukturen und –abläufe nicht angepasst sind
und wenn das Besondere nicht als Besonderes vermittelt und in einen Sinnkontext
gestellt wird.
Was
heißt das?
Wenn
ein evangelisches Haus im Leitbild vom christlichen Menschenbild spricht,
dem es sich verpflichtet fühlt, dann muss auch ausgeführt werden,
was damit gemeint ist. Bei der Mehrzahl der Mitarbeitenden kann nicht mehr
vorausgesetzt werden, dass sie Kenntnis von dem oder gar Bindung an den
christlichen Glauben mitbringen. Dann gehört aber in die innerbetriebliche
Weiterbildung das Durchbuchstabieren christlicher Kernaussagen ebenso hinein
wie die fortlaufende Weiterbildung zu pflegerischen und medizinischen Themen.
Damit
wir nicht missverstanden werden: Uns geht es nicht um Bibelstunden, uns
geht es um den Bezug biblischer Aussagen zum beruflichen Alltag im Krankenhaus
und Altenheim. So wie wir das an den drei Kernbegriffen des Protestantismus
soeben getan haben, als wir Glaube, Gnade und Schrift für den Alltag
als Vertrauen, Solidarität und gemeinsame Verantwortung übersetzt
haben.
Was
heißt evangeliumsgemäß mit Menschen umgehen? Mit Patienten
und mit Mitarbeitenden? Das ist die Frage, die konkret durchdekliniert
werden muss im Blick auf die Routinen des Hauses.
Dieser
Frage muss sich zuerst die Leitung stellen. „Wenn die Leitungsleute mit
der Botschaft des Evangeliums nichts anfangen können, sinkt die Wahrscheinlichkeit,
dass in diesen Häusern etwas davon merkbar wird“, formuliert der katholische
Theologe und Management-Professor Heribert Gärtner (Wie kommt das
Evangelium in die Organisation?, S. 73). Das ist der Grund, warum wir Sie
heute eingeladen haben: Sie sind als Leitungsverantwortliche entscheidend,
wenn es um die Entwicklung und Umsetzung eines evangelischen Profils geht.
Das
gilt für den standardisierten Umgang mit Patienten und mit Mitarbeitern.
Das Standardisierte ist uns deshalb wichtig, weil es über das individuelle
Tun hinausgeht. Nicht nur die individuelle Kompetenz und Genialität
für einen evangeliumsgemäßen Umgang ist gefragt. Wichtiger
noch ist, wie sich evangeliumsgemäßer Umgang in den Abläufen
und Arbeitsprozessen niederschlägt.
Das
ist unsere zweite These: Das evangelische Profil ist nicht primär
abhängig von dem individuellen Engagement und der individuellen Glaubenshaltung
der Mitarbeitenden, sondern davon, wie evangeliumsgemäß die
Abläufe und Strukturen eines Hauses sind.
Wir
kommen auf den Tod des alten Mannes zurück: Wenn wir davon überzeugt
sind, dass der Mensch seine Würde nie verliert, dann gilt das auch
im Tod. Dann gehört z.B. eine schnelle Abnahme der Geräte, die
im Krankheitsfall lebenswichtig waren, nach dem Eintritt des Todes zum
Standard, wie mit Toten umgegangen wird. Wenn Trauer um einen Menschen
eine würdige Umgebung verlangt, in der Trauer gelebt werden kann,
dann gehört es z.B. ebenso zum Standard, den Toten so zu versorgen
und ein Krankenzimmer so zu gestalten, dass dort getrauert werden kann.
Wenn
die Fähigkeit zum Mitleiden ein wesentlicher Ausdruck evangeliumsgemäßen
Umgangs mit Menschen ist, dann sind Regeln dafür zu finden, wie die
ökonomische Notwendigkeit, ein Zimmer im Altenheim schnell wieder
belegt zu bekommen, mit dem Rhythmus und dem Tempo Trauernder verknüpft
werden kann.
Ich
nenne weitere Beispiele, für die Standards angemessen sind und nicht
nur die individuelle Einfühlsamkeit des Personals:
Wie
wird ein Patient aufgenommen, der zur Operation angemeldet ist, an der
Pforte und in der Aufnahme?
Parallel
dazu: Wie wird die Aufnahme in ein Heim gestaltet?
Wie
wird mit der Scham von Patienten in einem Mehrbettzimmer in der Pflege,
bei Untersuchungen und Visiten umgegangen?
Wie
werden Patienten schwere Diagnosen vermittelt, wie wird anschließend
Zeit für sie vorgesehen, wie die Seelsorge einbezogen?
Wie
wird professionelle Schmerztherapie sichergestellt durch interdisziplinäre
Zusammenarbeit über Stationsgrenzen hinweg?
Wie
wird Sterben ermöglicht? Gibt es geeignete Räume, „können
Angehörige übernachten, ermöglicht der Dienstplan die erforderliche
vermehrte Aufmerksamkeit, gibt es vielleicht ehrenamtlich tätige Menschen,
die dabei bleiben, wenn es keine Angehörigen mehr gibt?“ (Gärtner,
Wie kommt das Evangelium in die Organisation?, S. 74)
Wie
wird in einem Heim mit dem Tod einer Bewohnerin umgegangen, wie damit,
wenn der Partner einer Bewohnerin stirbt, der nicht mit im Heim ist?
Wenn
es stimmt, dass Protestantismus eine Hör-Religion ist und es bei dem
Grundsatz „Allein die Schrift“ um eine gemeinsame Entscheidung in Auslegungsfragen
geht, ist es dann nicht für ein evangelisches Haus interessant, sich
um das Konzept des Shared decision making zu kümmern, eine Arzt-Patient-Kommunikation,
die den Patienten sehr ernst und in die gemeinsame Verantwortung nimmt?
Und
was heißt evangeliumsgemäßer Umgang bezogen auf das Personal?
Wenn
zum Menschsein auch das Scheitern, das Fehler machen gehört, wie wird
damit in der Personalführung umgegangen?
Wie
wird darauf geachtet, dass in den äußerst stressigen Systemen
Krankenhaus und Altenheim den Mitarbeitenden ein Arbeiten ermöglicht
wird, dass sie gesund erhält? Hier sind Arbeitszeitregelungen, Dienstplangestaltung,
Personalschlüssel, Supervision und andere Entlastungsmöglichkeiten
angesprochen.
Welche
spirituellen Angebote gibt es für Mitarbeitende?
Wie
wird bei der Personalauswahl darauf geachtet, welchen Bezug zur Konfessionalität
des Hauses ein Bewerber hat und wie wird ihm nahegebracht, was ihn erwartet,
wenn er dort arbeitet? Einzelne Einrichtungen haben beispielsweise mittlerweile
Broschüren herausgegeben, in denen die Mitarbeiter über christliche
Feiertage und Gebräuche informiert werden. (Josefs-Gesellschaft, Köln)
Glaube,
Gnade, Schrift, Vertrauen, Solidarität, gemeinsame Verantwortung,
Hören können und vertrauensvolles Zusammenleben als Eckpunkte
eines evangelischen Profils haben wir Ihnen vorgetragen.
Unser
Anliegen ist es, diese Profileckpunkte auch organisational zu verankern.
Für
die Häuser, die eine Zertifizierung nach KTQ und ProCumCert anstreben,
sind die von uns genannten Themen nicht neu.
In
dem Fragenkatalog von ProCumCert werden die Aufnahme, die Rücksicht
auf die Scham der Patienten, der Umgang mit schwerkranken und sterbenden
Menschen erfragt. Ebenso der Umgang mit dem Personal und die Spiritualität
in einem Haus.
Gerade
in diesen Punkten unterscheidet sich die Zertifizierung nach DIN ISO 9001
oder KTQ von der nach ProCumCert. Gerade darin wird aus der Sicht der Zertifizierungsgesellschaft
das konfessionelle Profil erkennbar.
Wenn
es stimmt, dass Patienten sich bewusst für konfessionelle Häuser
entscheiden in Krisensituationen, weil sie als Leidende dort gesehen werden
und damit mehr als Kunden sind, dann kommt der Ausprägung des evangelischen
Profils auch aus Wettbewerbssicht hohe Bedeutung zu. Dann sind damit ökonomische
Vorteile zu erzielen – dann kann und muss man allerdings auch Geld investieren
zur Ausformung und Implementierung des Profils in die alltäglichen
Abläufe.
Es
geht um Investitionen in Organisations- und Personalentwicklung. Bei der
Organisationsentwicklung geht es um die Gestaltung eines Regelwerks, das
wie ein Straßennetz funktioniert, auf dem sich das Verhalten der
Mitarbeitenden bewegt. Bei der Personalentwicklung geht es um die Befähigung
der Menschen, die Kernaussagen der christlichen Botschaft zu verstehen
und für ihren Berufsalltag übersetzen zu können.
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